Sachstand zur Reaktivierung der Bahnlinie Flensburg - Niebüll

Momentan läuft die politische Diskussion um die Reaktivierung unserer Bahnlinie. Ich habe an einigen Veranstaltungen mit Bahngesellschaften, Politiker, Verkehrsverbänden und Fahrgastverbänden teilgenommen. Aus den vielen Teilinformationen ist ein Bild entstanden und ich möchte im Folgenden alle erhaltenen Informationen bündeln und über das Thema informieren. Die Diskussion läuft meiner Meinung nach derzeit an den Menschen in der Region vorbei und auch in den Gemeindevertretungen wird die Reaktivierung wenig bis gar nicht thematisiert.

Wie stehen die Chancen für eine Reaktivierung und wie ist der Zeitrahmen?
Die Kassen für die Finanzierung des Vorhabens sind gut gefüllt und die Mittel stehen bereit. Die Verbände, die Bahngesellschaften und die Landesinstitutionen sind offensichtlich momentan sehr für eine Reaktivierung. Die Reaktivierung steht auch im Koalitionsvertrag der Landesregierung. Man wird aber nicht gegen den Willen der Region aktiv werden. Der Norden hat die Chance diese Gelder in die Region zu holen. Für den mir unerklärlichen Fall, dass die Region diese Gelder gar nicht will, wird die Landesregierung das Geld sicherlich ebenso gern in Kiel oder im Hamburger Umland investieren. Die Bürgermeister/- innen der Städte und Gemeinden entlang der Strecke sind momentan eher gegen eine Reaktivierung oder unentschlossen. Eindeutig dafür haben sich bisher nur Wallsbüll und einige Gemeinden abseits der Strecke ausgesprochen. Je nach Verlauf des Planverfahrens werden für die Reaktivierung 6 bis 10 Jahre benötigt.

Wie würde die Bahnstrecke nach einer Reaktivierung technisch aussehen?
Beabsichtigt ist eine einspurige Strecke mit Haltepunkten in allen Gemeinden entlang der Trasse. In Flensburg möchte man die Linie bis zum ZOB führen und zusätzliche Haltepunkte an der Berufsschule und am Deutschen Haus einrichten. An den Haltepunkten in den Gemeinden ist die Strecke zweispurig, damit die Züge im Falle einer Verspätung aneinander vorbei kommen können. Die Schienenstränge werden miteinander verschweißt um die Fahrgeräusche zu reduzieren und alle Bahnübergänge werden erneuert. Die Haltephase am Übergang wird nicht länger als zwei Minuten andauern. Die Taktung der Züge würde morgens bei 30 Minuten und tagsüber bei 60 Minuten liegen. Die Bahnsteige in den Gemeinden mit Schutzhäuschen, Automaten, Fahrradständer usw. werden neu errichtet. Es ist kein Güterverkehr beabsichtigt und es soll nicht die Autoverladung aus Niebüll verlegt werden. Es geht um reinen Personenverkehr ähnlich einer S-Bahn. Die Strecke soll nicht elektrifiziert werden, denn die Züge der Zukunft werden mit alternativen Antrieben fahren. Ob mit Wasserstoff oder Akkus wird die Zukunft zeigen.

Wie werden sich die Busverkehre nach einer Reaktivierung entwickeln?
Man darf nicht davon ausgehen, dass der Bus auf der B 199 dann gar nicht mehr fahren wird. Individuelle Schülerverkehre, die über die Schulen bestellt werden, bleiben ohnehin. Gemeinden, die nicht direkt am Gleis aber an der B 199 liegen, werden Busverkehre behalten. Gemeinden abseits der Bahn und der B 199 werden über Nord-Süd-Verkehre an die Bahnstrecke angebunden. Diese werden wesentlich öfter als bisher getaktet, da es sich um kurze Strecken handelt. Wallsbüll würde z.B. ein solcher Knotenpunkt werden und von Großenwiehe und Weesby würden in kurzen Abständen Busse an den Wallsbüller Bahnsteig fahren.

Wie verändern sich die Reisezeiten?
Sie verkürzen sich etwa um 25 %. Bei Staulagen, wie oft in Handewitt, kann der Effekt auch größer sein.

Wie teuer wird eine Reaktivierung und was wird in den Gemeinden alles bezahlt?
Die geschätzten Kosten liegen derzeit bei ca. 100 Millionen Euro. Dazu gehören nicht nur die Gleise, Übergänge und Bahnsteige mit Anlagen. Gezahlt werden auch sämtliche Lärmschutzmaßnahmen bis hin zu neuen Türen und Fenstern in Privatgebäuden entlang der Strecke. Hinzu kommen auch individuelle Maßnahmen zur Anbindung von Gemeinden und zur Zugänglichkeit der Bahnsteige. Die Möglichkeiten gehen dabei vom neuen Radweg bis hin zum Fußgängertunnel. Eine Bahnreaktivierung wird großen Einfluß auf die gesamte Infrastruktur in unserem Raum haben.

Welche Argumente gibt es gegen eine Reaktivierung der Bahnstrecke?
Die am häufigsten geäußerten Gegenargumente sind Lärmbelästigungen für direkte Anwohner der Bahn und Wartezeiten an den Bahnübergängen. Teilweise wird auch der volkswirtschaftliche Nutzen bezweifelt und ob das Angebot überhaupt angenommen werden würde.

Was sagen die Befürworter zu den Gegenargumenten?
Man kann die Gegenargumente nicht vollständig entkräften. Ja, es ist für direkte Anwohner der Bahn eine Beeinträchtigung. Aber über alternative Antriebe, bündig verschweißte Schienenstränge und individuelle Lärmschutzmaßnahmen an den Gebäuden versucht man die Beeinträchtigungen so niedrig wie möglich zu halten. Und natürlich kommt es zu Wartezeiten an Bahnübergängen, wobei moderne Übergänge Wartezeiten von 90 bis 120 Sekunden ermöglichen. Städtebaulich würden einige Gemeinden sicherlich etwas umplanen müssen. Das eröffnet aber auch Chancen. Die potentiellen Betreiber sind sich sicher, dass das Angebot angenommen werden würde, da hier ausreichend Erfahrungswerte aus anderen Regionen vorliegen. Über den volkswirtschaftlichen Nutzen kann man streiten, da dieser auch schwer zu berechnen ist, aber dazu komme ich noch bei den Vorteilen.

Welche Vorteile bietet eine Bahnreaktivierung?
Da ich ein großer Befürworter dieses Verkehrsprojektes bin, gebe ich hier meine eigene subjektive Sicht der Dinge wieder.

Infrastruktur der Gemeinden: Die Reaktivierung bedeutet einen großen Schub für die Infrastruktur unserer Gemeinden, da zu dem Projekt auch gehört die Bahn so zugänglich wie möglich zu machen. Die Gemeinden können ihre Wünsche und Forderungen einbringen. Abgelegene Gemeinden könnten ein Radweg zur Bahn fordern. Gemeinden an der Bundesstraße könnten ein Fußgängertunnel unter B 199 zur Bedingung machen. Die Busse der Zubringerverkehre werden an die Taktung der Bahn angepasst und somit wesentlich häufiger fahren.

Tourismus und Naherholung: Der Tourismus an den Küsten und im Binnenland wird von der Bahn sehr profitieren. Aus dem Binnenland ist man schneller und bequemer an beiden Küsten. Tagestouren von Ost nach West und umgekehrt werden attraktiver.

Arbeit und Wirtschaft: Mit jeder Investition und Belebung kommen wirtschaftliche Impulse und Arbeitsplätze in die Region. Der Arbeitsmarkt wird  für Unternehmen wie für Arbeitnehmer/- innen flexibler und größer.

Einzelhandel und Nahversorgung: Eine direkt Anbindung an die Nachbargemeinden und die Oberzentren verbessert die Nahversorgung im ländlichen Raum. Die Oberzentren haben die Chance ihre Innenstädte zu beleben und die Einzelhandelsumsätze zu erhöhen.

Schülerbeförderung und Berufspendler: Die Schul- und Arbeitswege werden kürzer, sicherer und komfortabler. Abstände können besser eingehalten werden als im Bus. Sitzplatzkapazitäten sind über weitere Wagen einfacher zu erhöhen.

Persönliche Mobilität: Reisen nach Nah und Fern können vor der eigenen Haustür angetreten werden. Schnell zum Einkaufen in die Innenstadt oder in die Nachbargemeinde - kein Problem. Ein Kurztrip zum Weihnachtsmarkt, ins Restaurant oder ans Wasser ebenso. Fahrräder, Rollstühle und Kinderwagen können mitgeführt werden. Und der Zug verfügt über ein WC.

Attraktivität der Quartiere und Immobilienwerte: Alle Wohnstandorte entlang der Strecke erhöhen ihre Attraktivität. Konditionen für Bestandsimmobilien entwickeln sich positiv. Der Mietmarkt wird flexibler, da Zeitabstände sich verkürzen. Junge Menschen erhalten viele weitere Argumente um in der Region zu verbleiben.

Natur und Umwelt: Hätte von der Wertigkeit her auch an die erste Stelle gehört. Es wird ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet und Emissionen werden reduziert.

Unser Wirtschaftsraum wird durch eine Reaktivierung der Bahnlinie zusammenwachsen und wir und zukünftige Generation werden dadurch viele Vorteile haben. Die Attraktivität und Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinden wird erhöht. Es kommt zusätzliche Wertschöpfung in die Region und gleichzeitig wird ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Die Bereiche Tourismus, Verkehr, Arbeit, Wirtschaft, Umwelt und die Menschen der gesamten Grenzregion werden sehr davon profitieren.

Wir sollten gemeinsam alles dafür unternehmen diese historische Chance zu ergreifen.

(Arno Asmus, Gemeinde Wallsbüll)

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